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Eurasismus: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Eurasismus''' auch '''Eurasianismus''' (russisch Евразийство) ist eine in den 1920er Jahren von russischen [[Auswanderung|Emigranten]], die der [[Weiße Bewegung|Weißen Bewegung]] nahe standen,  formulierte [[Geopolitik|geopolitische]] [[Ideologie]]. Der Eurasismus behauptet, dass Russland als kontinentale Macht in einem Fundamentalgegensatz zur angelsächsisch geprägten [[Westliche Welt|westlichen Welt]] stehe.
'''Eurasismus''' (auch '''Eurasianismus''' oder '''Eurasiertum''', russisch Евразийство ''Jewrasijstwo'') ist ein in den 1920er Jahren von „weißen“ [[Emigration|Emigranten]] aus [[Russland]] in [[Bulgarien]] formulierter [[Geopolitik|geopolitischer]] Begriff. Dabei wurde [[Eurasien]] nicht im geographischen Sinn des Doppelkontinents aus [[Europa]] und [[Asien]] verstanden, sondern als Bezeichnung für das Gebiet des [[Russisches Kaiserreich|Russischen Kaiserreich]]s oder auch der [[Sowjetunion]] verwendet. Ein neuer Theoretiker dieser Idee ist [[Alexander Dugin]], der die ursprünglichen Ideen in einer banalen Weise vorstellt.  


== Entwicklung des Eurasismus ==
== Entwicklung des Eurasismus ==
Die Idee der Verwandtschaft Russlands mit Asien geht auf den Philosophen und Linguisten [[Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy]] und den Geographen, Ökonomen und Philosophen [[Pjotr Sawizki]] zurück. Die Weltsicht der damaligen Eurasisten fußte auf der Behauptung, dass es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der eurasischen Kultur des [[Russisches Kaiserreich|russischen Reiches]] einerseits und der romanischen Zivilisation Westeuropas andererseits gab.<ref>http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2009/der-%E2%80%9Eneoeurasismus%E2%80%9C-im-ausenpolitischen-denken-russlands/ e-politik.de, ''Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands'', abgerufen am 30. Juni 2012</ref> Das Herzstück der Theorie stellt der „[[Geographischer Raum|Raum]]“ dar. Hier lautet die weitergehende Annahme, das sich die Eigenart jeder Kultur auf ihre jeweilige Spezifik des Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeute dies, dass Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite lebe. 
1921 erschien in einem russischen Emigrantenverlag in der bulgarischen Hauptstadt [[Sofia]] ein Sammelband unter dem Titel „Exodus nach Osten“ (''Ischod k Wostoku''). Er enthielt Aufsätze des Theologen [[Georgi Wassiljewitsch Florowski|Georgi Florowski]], des Geographen, Ökonomen und Philosophen [[Pjotr Nikolajewitsch Sawizki|Pjotr Sawizki]], des Musikologen [[Pjotr Petrowitsch Suwtschinski|Pjotr Suwtschinski]] sowie des Philosophen und Linguisten [[Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy|Nikolai Trubezkoy]]. Die Autoren entwickelten darin ein Konzept, dem sie die Bezeichnung „Eurasismus“ (''Jewrasijstwo'') gaben.<ref>Petr Struve: ''Literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury.'' New York 1956, S. 42–43.</ref>  


In der [[Sowjetunion]] entwickelte der Geograph und Turkologe [[Lew Nikolajewitsch Gumiljow|Lew Gumiljow]] ab den 1960er-Jahren die eurasistische Ideologie im Untergrund weiter. Entgegen der [[Eurozentrismus|eurozentristischen]] Lehrmeinung vom [[Tataren|tatarisch]]-[[Mongolen|mongolischen]] Joch während der Mongolenherrschaft von 1240-1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren Symbiose der mongolischen Nomaden mit den [[Ostslawen|ostslawischen]] Waldbauern. Durch die Aufnahme biologistischer Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasisten. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen [[Slawen]] und Steppenvölkern fand erst nach der [[Perestroika]] und der Auflösung der UdSSR Verbreitung.<ref>[http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/06/13.mondeText.artikel,a0051.idx,14 Jean-Marie Chauvier: ''Die Wiederentdeckung Eurasiens'', vom 13. Juni 2014]</ref>
Zu den Theoretikern der Gruppe gehörte auch der Historiker [[Georgi Wladimirowitsch Wernadski|Georgi Wernadski]]. Das Zentrum der Bewegung verlagerte sich nach [[Prag]], als Florowski und Sawizki Lehraufträg an der dortigen Universität erhielten. In Berlin, damals Zentrum des Verlagswesens der russischen Emigration, wurde der Eurasische Verlag gegründet.<ref>Stefan Wiederkehr: ''Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland.'' Wien 2007, S. 47.</ref> Zu der Bewegung bekannte sich auch der Literaturwissenschaftler [[Dmitri Petrowitsch Swjatopolk-Mirski|Dmitri Swjatopolk-Mirski]]. Als Literaten, in deren Werken sich die Ideen des Eurasismus widerspiegelten, bezeichnete Sawizki die in Sowjetrussland lebenden Schriftsteller [[Konstantin Alexandrowitsch Fedin|Konstantin Fedin]], [[Leonid Maximowitsch Leonow|Leonid Leonow]] und [[Boris Andrejewitsch Pilnjak|Boris Pilnjak]].<ref>Struve, a.a.O., S. 43.</ref>
 
Anhänger der Bewegung planten, eine Partei im Untergrund zu bilden, diese sollte mit dem Ziel, die [[Bolschewiki]] zu stürzen, staatliche Strukturen in der Sowjetunion unterwandern. Doch wurde sie selbst von dem sowjetischen Geheimdienst [[Gossudarstwennoje polititscheskoje uprawlenije|GPU]] infiltriert.<ref>Wiederkehr, a.a.O., S. 46, 51-52.</ref> 1926 sagte sich Florowski von der Bewegung los.<ref>Struve, a.a.O., S. 46.</ref>
1929 spaltete sie sich in einen antisowjetischen und prosowjetischen Flügel. Zentrum der „linken Eurasier“ wurde Paris, zu ihnen stieß der Schriftsteller [[Sergei Jakowlewitsch Efron|Sergei Efron]].<ref>Struve, a.a.O., S. 45.</ref> Mehrere Vertreter des linken Flügels siedelten in den 1930er Jahren in die Sowjetunion über. Während der [[Großer Terror (Sowjetunion)|Stalinschen Säuberungen]] wurde ihnen wegen ihrer angeblichen Mitgliedschaft in einer „[[Weiße Bewegung|weißgardistischen]] Organisation“ der Prozess gemacht. Swjatopolk-Mirski kam im [[Gulag]] um, Efron wurde erschossen.<ref>Wiederkehr, a.a.O., S. 187.</ref>
 
Nach Ansicht der Eurasier gibt es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der [[Russische Kultur|russischen Kultur]] und der „romano-germanischen“ Zivilisation Westeuropas, aber auch grundlegende Unterschiede zwischen Europa und der übrigen Welt.<ref>[[Andreas Umland]]: ''[http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2009/der-%E2%80%9Eneoeurasismus%E2%80%9C-im-ausenpolitischen-denken-russlands/ Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands.]'' In: ''e-politik.de'', 10. März 2009</ref><ref name="Wiederkehr127">Stefan Wiederkehr, »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): ''Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa.'' Transcript, Bielefeld 2004, S. 127.</ref>
 
{{Zitat|Text=Es gibt nur einen wahren Gegensatz: die Romanogermanen und die übrigen Völker der Welt, Europa und die Menschheit. |Autor=Nikolaj Sergejewitsch Trubezkoj |Quelle=»Ewropa i tschelowetschestwo« (Europa und die Menschheit), 1920. |ref=<ref>Trubezkoj: ''»Ewropa i tschelowetschestwo«'' (1920). In: ''Nasledije Tschingis-Chana'' (Das Erbe des Tschingis-Khans). Agraf, Moskau 1999, S. 90, zitiert nach Stefan Wiederkehr, »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): ''Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa.'' Transcript, Bielefeld 2004, S. 128.</ref>}}
 
Das Herzstück der Theorie stellt der „[[Geographischer Raum|Raum]]“ dar. Hier lautet die weitergehende Annahme, das sich die Eigenart jeder Kultur auf ihre jeweilige Spezifik des Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeute dies, dass Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite lebe. Die westeuropäische Kultur wird keineswegs abgelehnt, jedoch als für Russland ungeeignet bezeichnet; auch sei sie im Verfall begriffen. Der [[Bolschewismus]] wird als „abscheulich“ zurückgewiesen; die Exzesse im [[Russischer Bürgerkrieg|russischen Bürgerkrieg]] hätten seine „geistige Verkrüppelung“ (''duchownoje uboschenstwo'') gezeigt, aber auch die „rettende Kraft der Religion“ hervortreten lassen.<ref>Struve, a.a.O., S. 42–43.</ref>
 
Ziel der Eurasier sei die Vereinigung der großen christliche Kirchen unter Führung der [[Russisch-Orthodoxe Kirche|russisch-orthodoxen Kirche]]; der [[Katholizismus]] habe die Urgedanken des Christentums verfälscht. Auch die Juden seien einzubeziehen, die „orthodoxe jüdische Kirche“ bliebe aber in ihrem Kult eigenständig. Ein [[Zar]] solle „in christlicher Liebe“ diesen zu schaffenden „Staat der Weisheit“ regieren, in dem alle Nationalitäten gleichberechtigt seien. Auch die [[Ukraine]] habe ihren Platz in diesem eurasischen Reich zu finden; der Anspruch ukrainischer Nationalisten, zu Europa zu gehören, sei historisch unbegründet. Wichtigster Nachbar Eurasiens sei [[China]]. Die geeignete Wirtschaftsform sei eine weiterentwickelte [[Planwirtschaft]].<ref>Otto Böss: ''Die Lehre der Eurasier. Ein Beitrag zur russischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.'' Harrassowitz, Wiesbaden 1961, S. 72, 85-87, 98-104.</ref> 
 
Der nach Deutschland emigrierte russische Philosoph [[Fedor Stepun]] wies auf Parallelen zwischen dem Eurasismus und dem italienischen [[Faschismus]] hin. <ref>Leonid Luks, Gegen die westliche Gefahr, in: ''Frankfurter Allgemeine Zeitung'', 26. Mai 2015, S. 7.</ref>
 
In der [[Sowjetunion]] entwickelte der Geograph und Turkologe [[Lew Nikolajewitsch Gumiljow|Lew Gumiljow]] ab den 1950er-Jahren die eurasistische Ideologie im Untergrund weiter. Entgegen der [[Eurozentrismus|eurozentristischen]] Lehrmeinung von einer [[Unterdrückung]] während der [[Mongolen]]herrschaft 1240-1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren [[Symbiose]] der mongolischen Nomaden mit den [[Ostslawen|ostslawischen]] Waldbauern. Durch die Aufnahme [[Biologismus|biologistischer]] Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasiern. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen [[Slawen]] und Steppenvölkern fand erst nach der [[Perestroika]] und der Auflösung der UdSSR Verbreitung.<ref>Jean-Marie Chauvier: ''[http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/06/13.mondeText.artikel,a0051.idx,14 Die Wiederentdeckung Eurasiens.]'' in: ''Le Monde diplomatique'', 13. Juni 2014.</ref>


== Neo-Eurasismus ==
== Neo-Eurasismus ==
Der gegenwärtig wichtigste Vertreter des Neo-Eurasismus ist [[Alexander Geljewitsch Dugin|Alexander Dugin]], zunächst Gründer der [[Nationalbolschewistische Partei Russlands|Nationalbolschewistischen Partei Russlands]], dann der Eurasischen Partei (2002). Er beruft sich neben russischen Eurasisten auf [[Carl Schmitt]] und die [[Traditionalistische Schule|Traditionalisten]] [[René Guénon]] und [[Julius Evola]]<ref>Mark J. Sedgwick: ''Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century'', Oxford University Press 2004, S. 221-240</ref> sowie auf den Religionsphilosophen [[Konstantin Nikolajewitsch Leontjew]].
Der russische politische Philosoph und Publizist [[Alexander Dugin]] vertritt seit den frühen 1990er-Jahren einen Neo-Eurasismus. Der klassische Eurasismus ist allerdings nur eine der Quellen von Dugins Ideologie, er verbindet das Konzept Trubezkois und Sawizkis, die er in seinen Werken nur beiläufig erwähnt, maßgeblich mit Elementen der [[Geopolitik]] neuerer, westlicher Prägung. So beruft er sich etwa auf Vertreter der westeuropäischen [[Neue Rechte|Neuen Rechten]] wie [[Jean-François Thiriart]] und [[Alain de Benoist]],<ref name="Wiederkehr127"/> die Traditionalisten [[René Guénon]] und [[Julius Evola]], Vertreter der [[Konservative Revolution|Konservativen Revolution]] wie [[Carl Schmitt]] und Geopolitiker wie [[Karl Haushofer]].<ref name="Umland07">Andreas Umland: [https://www.researchgate.net/profile/Andreas_Umland/publication/255970672_Alexander_Dugin_the_Issue_of_Post-Soviet_Fascism_and_Russian_Political_Discourse_Today/links/0c96052127e3f25a58000000.pdf ''Alexander Dugin, the Issue of Post-Soviet Fascism, and Russian Political Discourse Today'']. In: ''Russian Analystical Digest''. 14, Nr. 7, 2007, S. 2–5.</ref><ref>Mark J. Sedgwick: ''Neo-Eurasianism in Russia''. In: ''Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century''. Oxford University Press, New York 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. [https://books.google.com/books?id=Iaf8EzIZaCoC&pg=PA221 221–240].</ref>
 
Im Gegensatz zur These des klassischen Eurasismus versteht Dugin „Eurasien“ weiträumiger. In Anlehnung an Thiriarts Idee von einer ''Pax Eurasiatica'' plädiert Dugin für eine politische Union von [[Dublin]] bis [[Wladiwostok]] unter der Führung Russlands, weil „die wahren, geopolitisch gerechtfertigten Grenzen Russlands bei Cadiz und Dublin liegen und Europa dazu bestimmt ist (...) der Sowjetunion beizutreten“.<ref name="Wiederkehr128">Zitiert in: Stefan Wiederkehr,  »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): ''Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa.'' Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. [https://books.google.com/books?id=EnRLCgAAQBAJ&pg=PA128 128 f.]</ref> Klassische Eurasier und Neo-Eurasier wie Dugin haben die bipolare Weltsicht gemeinsam, dass „Eurasien“ einem Hauptfeind gegenüberstünde. Der Unterschied ist, dass klassische Eurasier das „romanogermanische Europa“ als Gegner ansahen, wohingegen Neo-Eurasier sich einen Kampf vorstellen zwischen den Landmächten Europas unter der Führung Russlands und den Seemächten unter der Führung der Vereinigten Staaten.<ref name="Umland07"/><ref name="WiederkehrGanz">Stefan Wiederkehr: ''»Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins.'' In Markus Kaiser (Hrsg.): ''Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa.'' Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. [https://books.google.com/books?id=EnRLCgAAQBAJ&pg=PA125 125–138].</ref>
 
2003 wurde von Dugin in Moskau die „Internationale Eurasierbewegung“ gegründet.<ref>[http://evrazia.org/modules.php?name=News&file=article&sid=1915 International Eurasian Movement]</ref> Zu ihren öffentlichen Aktionen gehören Kranzniederlegungen am Grabe [[Stalin]]s.<ref>[http://evrazia.org/news/43900 Evrazijcy počtjat pamjat‘ Iosifa Stalina] ''evrazia.news.org,'' 16. Dezember 2015.</ref>


== Rezeption außerhalb Russlands ==
== Kritik ==
In der [[Türkei]] rezipieren seit den 1990er Jahren [[Linksnationalismus|linksnationalistische]] Kreise, etwa [[Doğu Perinçek]]s [[Heimatspartei]], eurasistisches Gedankengut. Sie unterhalten auch Kontakte zu Dugin.<ref>Mehmet Ulusoy: “Rusya, Dugin ve‚ Türkiye’nin Avrasyacılık stratejisi” ''Aydınlık'' 5. Dezember 2004, S. 10-16</ref><ref>[http://www.turksolu.org/127/usumezsoy127.htm Şener Üşümezsoy: "Türk Süperetnosu ekümeni ve dünya sistemi"] in ''[[Türk Solu]]'' Nr. 127 19. Februar 2007</ref> Hintergrund ist die Furcht, dass die Einbindung der Türkei in die [[EU]] und die [[NATO]] die Souveränität der Nation gefährdet.
Einige Journalisten sehen Bezüge zum [[Faschismus]] und einem neuen, russischen [[Imperialismus]]. In der [[Türkei]] befassen sich seit den 1990er Jahren [[Linksnationalismus|linksnationalistische]] Kreise, etwa [[Doğu Perinçek]]s und seine [[İşçi Partisi|Arbeiterpartei]], mit eurasistischem Gedankengut. Sie unterhalten auch Kontakte zu Dugin.<ref>Mehmet Ulusoy: “Rusya, Dugin ve‚ Türkiye’nin Avrasyacılık stratejisi” ''Aydınlık'' 5. Dezember 2004, S. 10–16</ref><ref>[http://www.turksolu.org/127/usumezsoy127.htm Şener Üşümezsoy: "Türk Süperetnosu ekümeni ve dünya sistemi"] in ''[[Türk Solu]]'' Nr. 127 19. Februar 2007</ref> Hintergrund ist die Furcht, dass die Einbindung der Türkei in die [[EU]] und die [[NATO]] die Souveränität der Nation gefährdet.


== Siehe auch ==
[[Geografie|Geographisch]] betrachtet ist Russland nach [[Jordis von Lohausen]] „weder Europa noch Asien, sondern das Rückgrat der [[Eurasien|eurasischen]] Landmasse“. [[Haldorf Mackinder]] nennt es das „Herzland der europäisch-asiatisch-[[afrika]]nischen Weltinsel“. Diese Landmasse hat keine eindeutig bestimmten Grenzen und ist nicht nur von Russen besiedelt, sondern von einer Vielzahl von Völkern unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Ursprungs. Indem die Eurasianer der russischen Kultur innerhalb dieses Großraums eine staatsbildende Rolle als "primes inter pares" zusprechen, vertreten sie auch eine bestimmte [[Ideologie]] und sind Theoretiker einer [[Ethnie|ethno]]kulturellen Gemeinschaftsbildung unter russischer Vorherrschaft.
* [[Russische Zivilisation]]
* [[Gemeinschaft Unabhängiger Staaten]]
* [[Eurasische Wirtschaftsunion]] (bis 31. Dezember 2014 [[Eurasische Wirtschaftsgemeinschaft]], bis 10. Oktober 2000 [[Gemeinschaft Integrierter Staaten]])
* [[Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit]]
* [[Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit]]
* [[Schwarzmeer-Wirtschaftskooperation]]
* [[Russisch-Weißrussische Union]]


== Literatur ==
== Literatur ==
=== Veröffentlichungen von Anhängern des Eurasismus bzw. Neo-Eurasismus ===
=== Veröffentlichungen von Anhängern des Eurasismus bzw. Neo-Eurasismus ===
* Nikolai Trubezkoy: ''Europa und die Menschheit.'' Mit einem Vorwort von [[Otto Hoetzsch]]. Drei Masken Verlag, München 1922.
* Lew Nikolajewitsch Gumiljow: ''Этногенез и биосфера Земли.'' (Ethnogenese und die Biosphäre der Erde), 1979
* Lew Nikolajewitsch Gumiljow: ''Этногенез и биосфера Земли.'' (Ethnogenese und die Biosphäre der Erde), 1979
* Lew Nikolajewitsch Gumiljow: ''Поиски вымышленного царства.'' (Auf der Suche nach einem erdachten Reich), 1970 [Neuauflage 1992]
* Lew Nikolajewitsch Gumiljow: ''Поиски вымышленного царства.'' (Auf der Suche nach einem erdachten Reich), 1970 [Neuauflage 1992]
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=== Monografien ===
=== Monografien ===
* Otto Böss: ''Die Lehre der Eurasier. Ein Beitrag zur russischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts.'' Harrassowitz, Wiesbaden 1961.
* Alexander Höllwerth: ''Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus.'' Stuttgart 2007 (Soviet and post-Soviet Politics and Society; 59), ISBN 3-89821-813-9
* Alexander Höllwerth: ''Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus.'' Stuttgart 2007 (Soviet and post-Soviet Politics and Society; 59), ISBN 3-89821-813-9
* Assen Ignatow: ''Der „Eurasismus“ und die Suche nach einer neuen russischen Kulturidentität: Die Neubelebung des „Evrazijstvo“-Mythos.'' Köln 1992 (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche Studien; 15)
* Assen Ignatow: ''Der „Eurasismus“ und die Suche nach einer neuen russischen Kulturidentität: Die Neubelebung des „Evrazijstvo“-Mythos.'' Köln 1992 (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche Studien; 15)
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=== Sammelbandbeiträge ===
=== Sammelbandbeiträge ===
* Bruno Naarden: ''‘I am a Genius but not more than that.’ Lev Gumilëv (1912-1992), ethnogenesis, the Russian past and World History.'' in: ''Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas.'' N.F. 44 (1996), S. 54-82.
* Bruno Naarden: ''‘I am a Genius but not more than that.’ Lev Gumilëv (1912-1992), ethnogenesis, the Russian past and World History.'' in: ''Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas.'' N.F. 44 (1996), S. 54–82.
* Mark J. Sedgwick: ''Neo-Eurasianism in Russia.'' Kapitel in: ''Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century.'' Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221-240
* Mark J. Sedgwick: ''Neo-Eurasianism in Russia.'' Kapitel in: ''Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century.'' Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221–240


=== Artikel in Fachzeitschriften ===
=== Artikel in Fachzeitschriften ===
* Marlène Laruelle: ''Lev Nikolaevic Gumilev (1912-1992): biologisme et eurasisme dans la pensée russe.'' in: ''Études slaves.'' 72 (2000), S. 163-189.
* Boris Ishboldin, The Eurasian Movement, in: ''Russian Review,'' vol 5, Spring 1946, S. 64–73.
* Marlène Laruelle: ''Lev Nikolaevic Gumilev (1912-1992): biologisme et eurasisme dans la pensée russe.'' in: ''Études slaves.'' 72 (2000), S. 163–189.
* Leonid Luks: ''Der „dritte Weg“ der „neo-eurasischen“ Zeitschrift „Ėlementy“ - zurück ins Dritte Reich?'' in: Studies in East European Thought 52/2000, S. 49–71.   
* Leonid Luks: ''Der „dritte Weg“ der „neo-eurasischen“ Zeitschrift „Ėlementy“ - zurück ins Dritte Reich?'' in: Studies in East European Thought 52/2000, S. 49–71.   
* Sergei Panarin & Viktor Shnirelman: ''Lev Gumilev: his pretensions as a founder of ethnology and his Eurasian theories.'' in: ''Inner Asia.'' 3 (2001), S. 1-18.
* Sergei Panarin & Viktor Shnirelman: ''Lev Gumilev: his pretensions as a founder of ethnology and his Eurasian theories.'' in: ''Inner Asia.'' 3 (2001), S. 1–18.
* Anton Shekhovtsov & Andreas Umland: ''Is Aleksandr Dugin a Traditionalist? „Neo-Eurasianism“ and Perennial Philosophy.'' ''Russian Review'', Vol. 68, No. 4 (Oktober 2009), S. 662-678.
* Nicholas V. Riazanovsky, The Emergence of Eurasianism, in: ''Californian Slavic Studies'', IV(1967), S. 39–72.
* Anton Shekhovtsov & Andreas Umland: ''Is Aleksandr Dugin a Traditionalist? „Neo-Eurasianism“ and Perennial Philosophy.'' ''Russian Review'', Vol. 68, No. 4 (Oktober 2009), S. 662–678.
* [[Martin Lichtmesz]]: ''Gegen den Westen - eurasische Ideen'', in ''Sezession'' Nr. 118, Verein für Staatspolitik e.V., Rittergut Schnellroda, Februar 2024, Seite 26 bis 31


== Weblinks ==
== Weblinks ==
* [http://4pt.su/de The Fourth Political Theory]
* [https://4pt.su/de/content/multipolare-menschheit Rede von Alexander Dugin auf dem Multipolaritätsforum in Moskau, 26. Februar 2024.]
* [http://groups.yahoo.com/group/russian_nationalism/links/_Neo_Eurasianism___see_also__Files___001191052507/ Links] zu relevanten Studien & Artikeln zusammengestellt von Dr. Andreas Umland
* [http://www.evrazia.info/index.php Eurasische Bewegung], russisch.
* [http://www.evrazia.info/index.php?newlang=german Eurasische Bewegung]
* [https://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-west-oestliche-furor-der-neuen-ideologischen-rechten-ld.816830 Putins Eurasianismus und Europas Rechte], Darstellung von [[Richard Herzinger]] in der [[NZZ]]
* [http://www.arctogaia.com/public/deut1.html Arktogeja]
* [http://www.b-republik.de/archiv/%C2%BBeuropa-ist-in-sehr-grosser-gefahr-zerstoert-zu-werden%C2%AB Interview] mit dem amerikanischen Historiker [[Timothy Snyder]]
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== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==
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[[Kategorie:Eurasien]]
[[Kategorie:Eurasien]]
[[Kategorie:Geopolitik]]
[[Kategorie:Politische Ideologie]]
[[Kategorie:Politische Ideologie]]
[[Kategorie:Russische Geschichte]]
[[Kategorie:Russische Geschichte]]

Aktuelle Version vom 7. Mai 2024, 13:38 Uhr

Eurasismus (auch Eurasianismus oder Eurasiertum, russisch Евразийство Jewrasijstwo) ist ein in den 1920er Jahren von „weißen“ Emigranten aus Russland in Bulgarien formulierter geopolitischer Begriff. Dabei wurde Eurasien nicht im geographischen Sinn des Doppelkontinents aus Europa und Asien verstanden, sondern als Bezeichnung für das Gebiet des Russischen Kaiserreichs oder auch der Sowjetunion verwendet. Ein neuer Theoretiker dieser Idee ist Alexander Dugin, der die ursprünglichen Ideen in einer banalen Weise vorstellt.

Entwicklung des Eurasismus

1921 erschien in einem russischen Emigrantenverlag in der bulgarischen Hauptstadt Sofia ein Sammelband unter dem Titel „Exodus nach Osten“ (Ischod k Wostoku). Er enthielt Aufsätze des Theologen Georgi Florowski, des Geographen, Ökonomen und Philosophen Pjotr Sawizki, des Musikologen Pjotr Suwtschinski sowie des Philosophen und Linguisten Nikolai Trubezkoy. Die Autoren entwickelten darin ein Konzept, dem sie die Bezeichnung „Eurasismus“ (Jewrasijstwo) gaben.[1]

Zu den Theoretikern der Gruppe gehörte auch der Historiker Georgi Wernadski. Das Zentrum der Bewegung verlagerte sich nach Prag, als Florowski und Sawizki Lehraufträg an der dortigen Universität erhielten. In Berlin, damals Zentrum des Verlagswesens der russischen Emigration, wurde der Eurasische Verlag gegründet.[2] Zu der Bewegung bekannte sich auch der Literaturwissenschaftler Dmitri Swjatopolk-Mirski. Als Literaten, in deren Werken sich die Ideen des Eurasismus widerspiegelten, bezeichnete Sawizki die in Sowjetrussland lebenden Schriftsteller Konstantin Fedin, Leonid Leonow und Boris Pilnjak.[3]

Anhänger der Bewegung planten, eine Partei im Untergrund zu bilden, diese sollte mit dem Ziel, die Bolschewiki zu stürzen, staatliche Strukturen in der Sowjetunion unterwandern. Doch wurde sie selbst von dem sowjetischen Geheimdienst GPU infiltriert.[4] 1926 sagte sich Florowski von der Bewegung los.[5] 1929 spaltete sie sich in einen antisowjetischen und prosowjetischen Flügel. Zentrum der „linken Eurasier“ wurde Paris, zu ihnen stieß der Schriftsteller Sergei Efron.[6] Mehrere Vertreter des linken Flügels siedelten in den 1930er Jahren in die Sowjetunion über. Während der Stalinschen Säuberungen wurde ihnen wegen ihrer angeblichen Mitgliedschaft in einer „weißgardistischen Organisation“ der Prozess gemacht. Swjatopolk-Mirski kam im Gulag um, Efron wurde erschossen.[7]

Nach Ansicht der Eurasier gibt es einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen der russischen Kultur und der „romano-germanischen“ Zivilisation Westeuropas, aber auch grundlegende Unterschiede zwischen Europa und der übrigen Welt.[8][9]

„Es gibt nur einen wahren Gegensatz: die Romanogermanen und die übrigen Völker der Welt, Europa und die Menschheit.“

Nikolaj Sergejewitsch Trubezkoj: »Ewropa i tschelowetschestwo« (Europa und die Menschheit), 1920.[10]

Das Herzstück der Theorie stellt der „Raum“ dar. Hier lautet die weitergehende Annahme, das sich die Eigenart jeder Kultur auf ihre jeweilige Spezifik des Territoriums bemesse. Auf Russland angewandt bedeute dies, dass Russland eine eurasische Kultur sei, die im Gegensatz zur europäischen Küstenkultur stehe und von der Beeinflussung durch die asiatische Seite lebe. Die westeuropäische Kultur wird keineswegs abgelehnt, jedoch als für Russland ungeeignet bezeichnet; auch sei sie im Verfall begriffen. Der Bolschewismus wird als „abscheulich“ zurückgewiesen; die Exzesse im russischen Bürgerkrieg hätten seine „geistige Verkrüppelung“ (duchownoje uboschenstwo) gezeigt, aber auch die „rettende Kraft der Religion“ hervortreten lassen.[11]

Ziel der Eurasier sei die Vereinigung der großen christliche Kirchen unter Führung der russisch-orthodoxen Kirche; der Katholizismus habe die Urgedanken des Christentums verfälscht. Auch die Juden seien einzubeziehen, die „orthodoxe jüdische Kirche“ bliebe aber in ihrem Kult eigenständig. Ein Zar solle „in christlicher Liebe“ diesen zu schaffenden „Staat der Weisheit“ regieren, in dem alle Nationalitäten gleichberechtigt seien. Auch die Ukraine habe ihren Platz in diesem eurasischen Reich zu finden; der Anspruch ukrainischer Nationalisten, zu Europa zu gehören, sei historisch unbegründet. Wichtigster Nachbar Eurasiens sei China. Die geeignete Wirtschaftsform sei eine weiterentwickelte Planwirtschaft.[12]

Der nach Deutschland emigrierte russische Philosoph Fedor Stepun wies auf Parallelen zwischen dem Eurasismus und dem italienischen Faschismus hin. [13]

In der Sowjetunion entwickelte der Geograph und Turkologe Lew Gumiljow ab den 1950er-Jahren die eurasistische Ideologie im Untergrund weiter. Entgegen der eurozentristischen Lehrmeinung von einer Unterdrückung während der Mongolenherrschaft 1240-1480 vertrat Gumiljow ebenso die Sicht einer kulturell fruchtbaren Symbiose der mongolischen Nomaden mit den ostslawischen Waldbauern. Durch die Aufnahme biologistischer Elemente entfernte sich Gumiljow aber von den klassischen Eurasiern. Seine Idee von einer Wiederherstellung eines Bündnisses zwischen Slawen und Steppenvölkern fand erst nach der Perestroika und der Auflösung der UdSSR Verbreitung.[14]

Neo-Eurasismus

Der russische politische Philosoph und Publizist Alexander Dugin vertritt seit den frühen 1990er-Jahren einen Neo-Eurasismus. Der klassische Eurasismus ist allerdings nur eine der Quellen von Dugins Ideologie, er verbindet das Konzept Trubezkois und Sawizkis, die er in seinen Werken nur beiläufig erwähnt, maßgeblich mit Elementen der Geopolitik neuerer, westlicher Prägung. So beruft er sich etwa auf Vertreter der westeuropäischen Neuen Rechten wie Jean-François Thiriart und Alain de Benoist,[9] die Traditionalisten René Guénon und Julius Evola, Vertreter der Konservativen Revolution wie Carl Schmitt und Geopolitiker wie Karl Haushofer.[15][16]

Im Gegensatz zur These des klassischen Eurasismus versteht Dugin „Eurasien“ weiträumiger. In Anlehnung an Thiriarts Idee von einer Pax Eurasiatica plädiert Dugin für eine politische Union von Dublin bis Wladiwostok unter der Führung Russlands, weil „die wahren, geopolitisch gerechtfertigten Grenzen Russlands bei Cadiz und Dublin liegen und Europa dazu bestimmt ist (...) der Sowjetunion beizutreten“.[17] Klassische Eurasier und Neo-Eurasier wie Dugin haben die bipolare Weltsicht gemeinsam, dass „Eurasien“ einem Hauptfeind gegenüberstünde. Der Unterschied ist, dass klassische Eurasier das „romanogermanische Europa“ als Gegner ansahen, wohingegen Neo-Eurasier sich einen Kampf vorstellen zwischen den Landmächten Europas unter der Führung Russlands und den Seemächten unter der Führung der Vereinigten Staaten.[15][18]

2003 wurde von Dugin in Moskau die „Internationale Eurasierbewegung“ gegründet.[19] Zu ihren öffentlichen Aktionen gehören Kranzniederlegungen am Grabe Stalins.[20]

Kritik

Einige Journalisten sehen Bezüge zum Faschismus und einem neuen, russischen Imperialismus. In der Türkei befassen sich seit den 1990er Jahren linksnationalistische Kreise, etwa Doğu Perinçeks und seine Arbeiterpartei, mit eurasistischem Gedankengut. Sie unterhalten auch Kontakte zu Dugin.[21][22] Hintergrund ist die Furcht, dass die Einbindung der Türkei in die EU und die NATO die Souveränität der Nation gefährdet.

Geographisch betrachtet ist Russland nach Jordis von Lohausen „weder Europa noch Asien, sondern das Rückgrat der eurasischen Landmasse“. Haldorf Mackinder nennt es das „Herzland der europäisch-asiatisch-afrikanischen Weltinsel“. Diese Landmasse hat keine eindeutig bestimmten Grenzen und ist nicht nur von Russen besiedelt, sondern von einer Vielzahl von Völkern unterschiedlicher Kultur und unterschiedlichen Ursprungs. Indem die Eurasianer der russischen Kultur innerhalb dieses Großraums eine staatsbildende Rolle als "primes inter pares" zusprechen, vertreten sie auch eine bestimmte Ideologie und sind Theoretiker einer ethnokulturellen Gemeinschaftsbildung unter russischer Vorherrschaft.

Literatur

Veröffentlichungen von Anhängern des Eurasismus bzw. Neo-Eurasismus

  • Nikolai Trubezkoy: Europa und die Menschheit. Mit einem Vorwort von Otto Hoetzsch. Drei Masken Verlag, München 1922.
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Этногенез и биосфера Земли. (Ethnogenese und die Biosphäre der Erde), 1979
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Поиски вымышленного царства. (Auf der Suche nach einem erdachten Reich), 1970 [Neuauflage 1992]
  • Lew Nikolajewitsch Gumiljow: Древняя Русь и Великая степь. (Die alte Rus und die große Steppe), 1989 [Neuauflage 1992]
  • Doğu Perinçek: Avrasya Seçeneği. Türkiye için bağımsız dış politika. (Die Alternative Eurasien: eine unabhängige Außenpolitik für die Türkei), İstanbul 1996

Monografien

  • Otto Böss: Die Lehre der Eurasier. Ein Beitrag zur russischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Harrassowitz, Wiesbaden 1961.
  • Alexander Höllwerth: Das sakrale eurasische Imperium des Alexander Dugin. Eine Diskursanalyse zum postsowjetischen russischen Rechtsextremismus. Stuttgart 2007 (Soviet and post-Soviet Politics and Society; 59), ISBN 3-89821-813-9
  • Assen Ignatow: Der „Eurasismus“ und die Suche nach einer neuen russischen Kulturidentität: Die Neubelebung des „Evrazijstvo“-Mythos. Köln 1992 (Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche Studien; 15)
  • Marlène Laruelle: Russian Eurasianism: An Ideology of Empire. Johns Hopkins University Press 2008, ISBN 978-0-8018-9073-4
  • Stefan Widerkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Böhlau Verlag 2007, ISBN 978-3-412-33905-0

Sammelbandbeiträge

  • Bruno Naarden: ‘I am a Genius but not more than that.’ Lev Gumilëv (1912-1992), ethnogenesis, the Russian past and World History. in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas. N.F. 44 (1996), S. 54–82.
  • Mark J. Sedgwick: Neo-Eurasianism in Russia. Kapitel in: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221–240

Artikel in Fachzeitschriften

  • Boris Ishboldin, The Eurasian Movement, in: Russian Review, vol 5, Spring 1946, S. 64–73.
  • Marlène Laruelle: Lev Nikolaevic Gumilev (1912-1992): biologisme et eurasisme dans la pensée russe. in: Études slaves. 72 (2000), S. 163–189.
  • Leonid Luks: Der „dritte Weg“ der „neo-eurasischen“ Zeitschrift „Ėlementy“ - zurück ins Dritte Reich? in: Studies in East European Thought 52/2000, S. 49–71.
  • Sergei Panarin & Viktor Shnirelman: Lev Gumilev: his pretensions as a founder of ethnology and his Eurasian theories. in: Inner Asia. 3 (2001), S. 1–18.
  • Nicholas V. Riazanovsky, The Emergence of Eurasianism, in: Californian Slavic Studies, IV(1967), S. 39–72.
  • Anton Shekhovtsov & Andreas Umland: Is Aleksandr Dugin a Traditionalist? „Neo-Eurasianism“ and Perennial Philosophy. Russian Review, Vol. 68, No. 4 (Oktober 2009), S. 662–678.
  • Martin Lichtmesz: Gegen den Westen - eurasische Ideen, in Sezession Nr. 118, Verein für Staatspolitik e.V., Rittergut Schnellroda, Februar 2024, Seite 26 bis 31

Weblinks

Vergleich zu Wikipedia




Einzelnachweise

  1. Petr Struve: Literatura v izgnanii. Opyt istoričeskogo obzora zarubežnej literatury. New York 1956, S. 42–43.
  2. Stefan Wiederkehr: Die eurasische Bewegung. Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland. Wien 2007, S. 47.
  3. Struve, a.a.O., S. 43.
  4. Wiederkehr, a.a.O., S. 46, 51-52.
  5. Struve, a.a.O., S. 46.
  6. Struve, a.a.O., S. 45.
  7. Wiederkehr, a.a.O., S. 187.
  8. Andreas Umland: Der „Neoeurasismus“ im außenpolitischen Denken Russlands. In: e-politik.de, 10. März 2009
  9. 9,0 9,1 Stefan Wiederkehr, »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 127.
  10. Trubezkoj: »Ewropa i tschelowetschestwo« (1920). In: Nasledije Tschingis-Chana (Das Erbe des Tschingis-Khans). Agraf, Moskau 1999, S. 90, zitiert nach Stefan Wiederkehr, »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, S. 128.
  11. Struve, a.a.O., S. 42–43.
  12. Otto Böss: Die Lehre der Eurasier. Ein Beitrag zur russischen Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Harrassowitz, Wiesbaden 1961, S. 72, 85-87, 98-104.
  13. Leonid Luks, Gegen die westliche Gefahr, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. Mai 2015, S. 7.
  14. Jean-Marie Chauvier: Die Wiederentdeckung Eurasiens. in: Le Monde diplomatique, 13. Juni 2014.
  15. 15,0 15,1 Andreas Umland: Alexander Dugin, the Issue of Post-Soviet Fascism, and Russian Political Discourse Today. In: Russian Analystical Digest. 14, Nr. 7, 2007, S. 2–5.
  16. Mark J. Sedgwick: Neo-Eurasianism in Russia. In: Against the Modern World. Traditionalism and the Secret Intellectual History of the Twentieth Century. Oxford University Press, New York 2004, ISBN 0-19-515297-2, S. 221–240.
  17. Zitiert in: Stefan Wiederkehr, »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins, in: Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. 128 f.
  18. Stefan Wiederkehr: »Kontinent Evrasija« – Klassischer Eurasismus und Geopolitik in der Lesart Alexander Dugins. In Markus Kaiser (Hrsg.): Auf der Suche nach Eurasien. Politik, Religion und Alltagskultur zwischen Russland und Europa. Transcript, Bielefeld 2004, ISBN 3-89942-131-0, S. 125–138.
  19. International Eurasian Movement
  20. Evrazijcy počtjat pamjat‘ Iosifa Stalina evrazia.news.org, 16. Dezember 2015.
  21. Mehmet Ulusoy: “Rusya, Dugin ve‚ Türkiye’nin Avrasyacılık stratejisi” Aydınlık 5. Dezember 2004, S. 10–16
  22. Şener Üşümezsoy: "Türk Süperetnosu ekümeni ve dünya sistemi" in Türk Solu Nr. 127 19. Februar 2007