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Gleichgestellte Movierung: Unterschied zwischen den Versionen

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Cmelsa (Diskussion | Beiträge)
Überarbeitete Formulierungen, neue Informationen hinzugefügt, Movemtabelle um nonbinär und Plurale erweitert
Zeile 1: Zeile 1:
Unter '''Gleichgestellter Movierung''' bzw. '''[[Gendern 2.0]]''' werden [[Genderformen_in_der_deutschen_Sprache|Genderformen der deutschen Sprache]] zusammengefasst, deren Schwerpunkt der Erhalt der Kurzbegriffe (Leser, Sänger, Student) als Oberbegriffe für alle Geschlechter ist.
'''Gleichgestellte Movierung''' ist ein Ansatz für gendergerechte Sprache, der im Gegensatz zu anderen [[Genderformen_in_der_deutschen_Sprache|Genderformen der deutschen Sprache]] kompatibel zum generischen Maskulinum ist und mit der morphologischen Systematik des Deutschen konform geht.
Dem stand die bisherige Doppeldeutigkeit der Kurzbegriffe entgegen. ''"Leser"'' konnten danach entweder alle Leser sein, egal welchen Geschlechts. Oder aber, wie in ''"Leserinnen und Leser"'', ausschließlich die männlichen Leser. Um die Neutralität der Kurzbegriffe sicherzustellen, wird diese Doppeldeutigkeit aufgelöst, indem die Männer, analog zu den Frauen, eine eigene Endung bekommen.  
 
Movierung ist die Wortableitungsmethode, mit der die Bedeutung eines Substantivs auf ein bestimmtes Geschlecht eingeschränkt wird. Im Deutschen ist seit einigen Jahrhunderten die Movierung mit dem Suffix ''-in'' üblich, um die Bedeutung ''weiblich'' hinzuzufügen. Ein solches Movierungssuffix wird auch als ''Movem'' bezeichnet.
 
Aus einseitiger Movierung nur für Frauen entstand bisher eine Doppeldeutigkeit der Grundform. ''Leser'' sind, da unmoviert, zunächst alle Leser, egal welchen Geschlechts. Durch die Gegenüberstellung ''Leserinnen und Leser'' ergab sich aufgrund einer rein binären Geschlechtervorstellung aus Umkehrschluss, dass hier diejenigen, die nicht Leserinnen sind, logischerweise die männlichen Leser sein müssten. Kulturell unter anderem geprägt durch die Genesis-Erzählung vom Urmenschen Adam, aus dessen Rippe der Nebenmensch Eva enstanden sei, gilt in einem androzentrischen Menschenbild zudem der Mann als Norm und daher nicht speziell auszeichnungsbedürftig. Die Frau ist in diesem Menschenbild "das andere Geschlecht" (Simone de Beauvoir) und daher einzig gesondert zu markieren.
 
Abweichend von diesen als veraltet empfundenen Denkmodellen soll die gleichgestellte Movierung dazu dienen, die Neutralität der Grundform eindeutig klarzustellen. Ihre Doppeldeutigkeit wird mit gleichgestellter Movierung aufgelöst, indem Männer, analog zu Frauen, eine eigene Endung bekommen. Die gezielte Adressierung Nonbinärer kann auf gleiche Weise erfolgen. Da so alle Geschlechter bzw. Genderidentitäten sprachlich völlig gleichartig behandelt werden, wird dieser Ansatz von seinen Befürwortern als optimale geschlechtergerechte Handhabung von Personenbezeichnungen gesehen.


----
----


==Formen==
==Movemsets==
 
Die Grundidee ist seit einiger Zeit immer wieder von verschiedener Seite aufgekommen und konkretisiert worden. Folgende Movemsets wurden dabei vorgeschlagen:


Übersicht, angeordnet in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Entstehung
{| class="wikitable"
{| class="wikitable"
|-
|-
! !!Bezeichnung!!Entstehung!!Synonym!!Oberbegriff!! Frau !! Mann
! !! Bezeichnung !! Moveme !! Erfinder !! Entstehung !! Grundform Sg. !! Grundform Pl. !! weiblich Sg. !! weiblich Pl. !! männlich Sg. !! männlich Pl. !! nonbinär Sg. !! nonbinär Pl.
|-
|-
| 1.||[[Gendern nach Behlert]]||1998||||''' Leser'''||Leserin||Leseris
| 1.|| [[gerechtes Deutsch]] || -in/-is || Matthias Behlert || 1998 || ''' die Leser''' || ''' die Leser ''' || die Leserin || die Leserinnen || die Leseris || die Leserisse ||  || 
|-
|-
| 2.||[[Inverses Gendern]]||2018||on-Gendern||''' Leser'''||Leserin||Leseron
| 2.|| [[Inverses Gendern]] || -in/-on/-ix || Josef Gnadl || 2018 || '''der Leser''' || '''die Leser''' || die Leserin || die Leserinnen || der Leseron || die Leseronnen || das Leserix || die Leserisse
|-
|-
| 3.||[http://gendern-aendern.de/darum/ Gendern-Ändern]||2021||an-Gendern||''' Leser'''||Leserin||Leseran
| 3.|| [[MO4=]] (movier gleich) || -in/-an/-on || Christian Melsa || 2021 || '''der Leser''' || '''die Leser''' || die Leserin || die Leserinnen || der Leseran || die Leserannen || das Leseron || die Leseronnen
|-
|-
| 4.||[[Klassisch Gendern | Klassisches Gendern]]||2022||rich-Gendern||''' Leser'''||Leserin||Leserich
| 4.|| [[Alternativvorschlag für geschlechtergerechte Sprache]] || -in/-(er)ich/-ix ||  Cyril Brosch || 2021 || '''der Leser''' || '''die Leser''' || die Leserin || die Leserinnen || der Leserich || die Leseriche || das Leserix || die Leserixe
|-
|-
| 5.||[[Basisneutrales Gendern]]||2023||un-Gendern||''' Leser'''||Leserin||Leserun
| 5.|| [[Klassisch Gendern | Klassisches Gendern]] || -in/-(er)ich || Bernhard Thiery || 2022 || ''' der Leser''' || ''' die Leser ''' || die Leserin || die Leserinnen || der Leserich || die Leseriche ||  || 
|-
| 6.||[[Basisneutrales Gendern]] || -in/-un/-an || Anka Lüthe || 2023 || '''das Leser''' || '''die Leser''' || die Leserin || die Leserinnen || der Leserun || die Leserunnen || das Leseran || die Leserannen
|}
|}


#Der Vorschlag von Matthias Behlert<ref>[https://www.pauker.at/VIP/Matti/kate_de/11921''Internetpräsenz Matthias Behlert auf pauker.at'']</ref> geht weit über eine eigene Form für Männer hinaus und erreicht durch seine konsequenten grammatischen Änderungen eine sehr hohe Gendergerechtigkeit. Behlert stellte den Versuch, seine Sprechweise zu verbreiten, mangels Unterstützung ein.<ref>[https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/audio/518581/ein-interview-mit-matthias-behlert-zu-geschlechtergerechter-sprache.html''Interview mit Matthias Behlert im Untergrundblättle bzw. Transgenderradio'']</ref> Seine Idee wurde von Luise F. Pusch auf den Seiten 23 - 27 ihres Buches "Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen." von 1999  Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. vorgestellt. (Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921). Er wird außerdem mehrfach von Luise F. Pusch bei fembio.org erwähnt.
#Der Vorschlag von Matthias Behlert<ref>[https://www.pauker.at/VIP/Matti/kate_de/11921''Internetpräsenz Matthias Behlert auf pauker.at'']</ref> geht weit über eine eigene Form für Männer hinaus. Unter anderem werden die verschiedenen Genera abgeschafft. Der Nominativ-Artikel entspricht nun bei allen Substantiven dem des bisherigen Femininums. Auch die Unterscheidung der Artikel nach Numerus entfällt (weshalb die Grundform hier sowohl in Singular als auch Plural '''die Lehrer''' lautet). Behlert stellte den Versuch, seine Sprechweise zu verbreiten, mangels Unterstützung ein.<ref>[https://www.xn--untergrund-blttle-2qb.ch/audio/518581/ein-interview-mit-matthias-behlert-zu-geschlechtergerechter-sprache.html''Interview mit Matthias Behlert im Untergrundblättle bzw. Transgenderradio'']</ref> Seine Idee wurde von Luise F. Pusch auf den Seiten 23 - 27 ihres Buches "Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen." von 1999  Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. vorgestellt. (Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921). Er wird außerdem mehrfach von Luise F. Pusch bei fembio.org erwähnt.
#[[Inverses Gendern]] von Josef Gnadl ist zu finden auf seiner [https://www.bo8h.de/Offtopic/ Internetseite] und auf einer öffentlichen Facebook-Seite.<ref>[https://www.facebook.com/profile.php?id=100086902844567''Facebook-Seite "Antigendern statt Gendern"'']</ref>
#[[Inverses Gendern]] von Josef Gnadl ist zu finden auf seiner [https://www.bo8h.de/Offtopic/ Internetseite] und auf einer öffentlichen Facebook-Seite.<ref>[https://www.facebook.com/profile.php?id=100086902844567''Facebook-Seite "Antigendern statt Gendern"'']</ref>
#[http://gendern-aendern.de/darum/ Gendern-Ändern] wird von Christian Melsa vorgeschlagen.<ref>[http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#48220''sprachforschung.org'']</ref>
#[http://gendern-aendern.de/darum/ MO4=] wird vom einstigen Vorsitzenden des Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege Christian Melsa vorgeschlagen.<ref>[http://www.sprachforschung.org/ickler/index.php?show=news&id=1040#48220''sprachforschung.org'']</ref>
#Das männliche Movem ''-(er)ich'' ist eigentlich keine neue Erfindung, sondern kommt im deutschen Wortschatz bereits an einzelnen Stellen vor.
#[[Klassisch Gendern|Klassisches Gendern]] wurde von einem Team von 5 Personen um Bernhard Thiery entwickelt und vor allem durch 2 Petitionen veröffentlicht.<ref>[https://www.openpetition.de/petition/online/klassisch-gendern-reden-wie-frueher-mit-einem-kleinen-unterschied-3''Petition "Klassisch Gendern" auf openpetition.de'']</ref><ref>[https://www.change.org/p/klassisch-gendern-gendergerecht-und-gleichzeitig-sprechbar''umfangreichere Petition auf change.org'']</ref>
#[[Klassisch Gendern|Klassisches Gendern]] wurde von einem Team von 5 Personen um Bernhard Thiery entwickelt und vor allem durch 2 Petitionen veröffentlicht.<ref>[https://www.openpetition.de/petition/online/klassisch-gendern-reden-wie-frueher-mit-einem-kleinen-unterschied-3''Petition "Klassisch Gendern" auf openpetition.de'']</ref><ref>[https://www.change.org/p/klassisch-gendern-gendergerecht-und-gleichzeitig-sprechbar''umfangreichere Petition auf change.org'']</ref>
#Zwei Videos zu [[Basisneutrales Gendern]] ("-un-Gendern") von Anka Fiedler finden sich auf youtube.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=r-2YCq9r720''Youtube-Video von Anka Fiedler'']</ref>
#Zwei Videos zu [[Basisneutrales Gendern]] ("-un-Gendern") von Anka Lüthe finden sich auf YouTube.<ref>[https://www.youtube.com/watch?v=r-2YCq9r720''Youtube-Video von Anka Fiedler'']</ref>
 
==Gendern 2.0==
 
Einige der oben erwähnten Erfinder haben sich 2023 zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen und mit der feministischen Linguistin Luise Pusch Kontakt aufgenommen. Sie erwähnte diese Arbeitsgruppe in einem Podcast zum Thema Gendersprache unter dem Namen "Gendern 2.0", das seither als Werbebezeichnung für den Ansatz der gleichgestellten Movierung verwendet wird.


==Vorteile==
==Vorteile==
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** Frauen und Männer werden gleich behandelt, weil sie auf die gleiche Art benannt werden.<ref>[https://www.tagesspiegel.de/kultur/gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-4192660.html ''Deutschland ist besessen von Genitalien: Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich benennen. Ein Gastbeitrag im Tagesspiegel von Nele Pollatschek. 30.08.2020'']</ref>
** Frauen und Männer werden gleich behandelt, weil sie auf die gleiche Art benannt werden.<ref>[https://www.tagesspiegel.de/kultur/gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-4192660.html ''Deutschland ist besessen von Genitalien: Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt werden, der muss sie gleich benennen. Ein Gastbeitrag im Tagesspiegel von Nele Pollatschek. 30.08.2020'']</ref>
** Die Sprache wird logischer und damit einfacher lern- und sprechbar. Das kommt vor allem Menschen mit eingeschränkter Literalität und Menschen, die die deutsche Sprache erlernen wollen, entgegen.
** Die Sprache wird logischer und damit einfacher lern- und sprechbar. Das kommt vor allem Menschen mit eingeschränkter Literalität und Menschen, die die deutsche Sprache erlernen wollen, entgegen.
** Es ermöglicht der Gruppe der nonbinären Menschen, auf gleiche Art eigene Endungen zu erstellen.
** Es ermöglicht der Gruppe der nonbinären Menschen, ebenso einfach gezielt adressiert zu werden wie Menschen mit binären Genderidentitäten, durch eine positiv präsente eigene Form, nicht wie beim Gendersternformat nur durch ein unaussprechliches Sonderzeichen und somit lautliche Auslassung, in einer Sammelbezeichnung immer nur mitgemeint.
* Die Sprache vereinfacht sich dadurch, dass die Kurzbegriffe kürzer und einfacher sind als Doppelnennungen (Leserinnen und Leser) oder die aufwändigen Wortkonstruktionen mit dem Gendergap (Leser:innen, Bürger*innenmeister*innen).
* Die Sprache vereinfacht sich dadurch, dass die Kurzbegriffe kürzer und einfacher sind als Doppelnennungen (Leserinnen und Leser) oder die aufwendigen Wortkonstruktionen mit dem Gendergap (Leser:innen, Bürger*innenmeister*innen).
* Die Sprache vereinfacht sich zusätzlich, weil die sexualisierten Formen viel seltener genannt werden müssen. Denn die männliche, die weibliche oder weitere Formen werden nur genannt, wenn es tatsächlich um diese Geschlechter geht. Das ist aber sehr selten der Fall. Daher genügen meistens die kurzen Oberbegriffe.  
* Die Sprache vereinfacht sich zusätzlich, weil die sexualisierten Formen viel seltener genannt werden müssen. Denn die movierten Formen werden nur verwendet, wenn das Geschlecht relevant ist. Das ist im Plural sehr selten der Fall.
* Es ist ein Kompromiss in einem massiven Streit und kann die beiden gegnerischen Lager zusammen führen.
* Es ist ein Kompromiss in einem massiven Streit und kann die beiden gegnerischen Lager zusammenführen.
* Die an den modernen Genderformen häufig kritisierte Sexualisierung der Sprache bzw. der damit verbundene Sexismusvorwurf findet beim Gendern mit kurzen Oberbegriffen nicht statt. Die Kurzbegriffe sind ohne geschlechtliche Formen und meinen alle Menschen.
* Die am Gendersternformat häufig kritisierte permanente Sexualisierung bei allgemeiner Adressierung entfällt bei gleichgestellter Movierung. Die Grundform ist sexusneutral und enthält daher auch keine Sexusmarker.
* Die Männer haben nicht mehr den ungerechten Vorteil, die elegante Kurzform zu besitzen.
* Keine sexistische Andronormativität durch Indentifikation der Grundform als männlich.


== Öffentliche Erwähnungen ==
== Öffentliche Erwähnungen ==
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* Erwähnung als "neuen Weg", der sowohl gendergerecht als auch sprechbar ist in der Petition [https://www.change.org/p/%C3%B6ffentlich-rechtliche-bitte-beendet-euer-experiment-mit-der-gendersprache ''Öffentlich-Rechtliche, bitte beendet euer Experiment mit der Gendersprache'']
* Erwähnung als "neuen Weg", der sowohl gendergerecht als auch sprechbar ist in der Petition [https://www.change.org/p/%C3%B6ffentlich-rechtliche-bitte-beendet-euer-experiment-mit-der-gendersprache ''Öffentlich-Rechtliche, bitte beendet euer Experiment mit der Gendersprache'']
* Erwähnung im [https://www.achgut.com/artikel/indubio_folge_286_die_gender_frage ''Indubio-Podcast von Gerd Buurmann, Folge 286''] vom 23. 7. 2023 ab min 16.
* Erwähnung im [https://www.achgut.com/artikel/indubio_folge_286_die_gender_frage ''Indubio-Podcast von Gerd Buurmann, Folge 286''] vom 23. 7. 2023 ab min 16.
* Erwähnung in der Zeitschrift EMMA vom September/Oktober 2023 im Artikel [https://www.emma.de/sites/default/files/2023_05_002_003_inhalt_0.pdf ''"Diese Minderheit verdrängt die Mehrheit" von Luise F. Pusch'']auf Seite 39 unter der ursprünglichen Bezeichnung [[basisneutrales Gendern]].
* Erwähnung in der Zeitschrift EMMA vom September/Oktober 2023 im Artikel [https://www.emma.de/sites/default/files/2023_05_002_003_inhalt_0.pdf ''"Diese Minderheit verdrängt die Mehrheit" von Luise F. Pusch'']auf Seite 39 unter der Bezeichnung [[basisneutrales Gendern]].





Version vom 20. Dezember 2023, 00:33 Uhr

Gleichgestellte Movierung ist ein Ansatz für gendergerechte Sprache, der im Gegensatz zu anderen Genderformen der deutschen Sprache kompatibel zum generischen Maskulinum ist und mit der morphologischen Systematik des Deutschen konform geht.

Movierung ist die Wortableitungsmethode, mit der die Bedeutung eines Substantivs auf ein bestimmtes Geschlecht eingeschränkt wird. Im Deutschen ist seit einigen Jahrhunderten die Movierung mit dem Suffix -in üblich, um die Bedeutung weiblich hinzuzufügen. Ein solches Movierungssuffix wird auch als Movem bezeichnet.

Aus einseitiger Movierung nur für Frauen entstand bisher eine Doppeldeutigkeit der Grundform. Leser sind, da unmoviert, zunächst alle Leser, egal welchen Geschlechts. Durch die Gegenüberstellung Leserinnen und Leser ergab sich aufgrund einer rein binären Geschlechtervorstellung aus Umkehrschluss, dass hier diejenigen, die nicht Leserinnen sind, logischerweise die männlichen Leser sein müssten. Kulturell unter anderem geprägt durch die Genesis-Erzählung vom Urmenschen Adam, aus dessen Rippe der Nebenmensch Eva enstanden sei, gilt in einem androzentrischen Menschenbild zudem der Mann als Norm und daher nicht speziell auszeichnungsbedürftig. Die Frau ist in diesem Menschenbild "das andere Geschlecht" (Simone de Beauvoir) und daher einzig gesondert zu markieren.

Abweichend von diesen als veraltet empfundenen Denkmodellen soll die gleichgestellte Movierung dazu dienen, die Neutralität der Grundform eindeutig klarzustellen. Ihre Doppeldeutigkeit wird mit gleichgestellter Movierung aufgelöst, indem Männer, analog zu Frauen, eine eigene Endung bekommen. Die gezielte Adressierung Nonbinärer kann auf gleiche Weise erfolgen. Da so alle Geschlechter bzw. Genderidentitäten sprachlich völlig gleichartig behandelt werden, wird dieser Ansatz von seinen Befürwortern als optimale geschlechtergerechte Handhabung von Personenbezeichnungen gesehen.


Movemsets

Die Grundidee ist seit einiger Zeit immer wieder von verschiedener Seite aufgekommen und konkretisiert worden. Folgende Movemsets wurden dabei vorgeschlagen:

Bezeichnung Moveme Erfinder Entstehung Grundform Sg. Grundform Pl. weiblich Sg. weiblich Pl. männlich Sg. männlich Pl. nonbinär Sg. nonbinär Pl.
1. gerechtes Deutsch -in/-is Matthias Behlert 1998 die Leser die Leser die Leserin die Leserinnen die Leseris die Leserisse
2. Inverses Gendern -in/-on/-ix Josef Gnadl 2018 der Leser die Leser die Leserin die Leserinnen der Leseron die Leseronnen das Leserix die Leserisse
3. MO4= (movier gleich) -in/-an/-on Christian Melsa 2021 der Leser die Leser die Leserin die Leserinnen der Leseran die Leserannen das Leseron die Leseronnen
4. Alternativvorschlag für geschlechtergerechte Sprache -in/-(er)ich/-ix Cyril Brosch 2021 der Leser die Leser die Leserin die Leserinnen der Leserich die Leseriche das Leserix die Leserixe
5. Klassisches Gendern -in/-(er)ich Bernhard Thiery 2022 der Leser die Leser die Leserin die Leserinnen der Leserich die Leseriche
6. Basisneutrales Gendern -in/-un/-an Anka Lüthe 2023 das Leser die Leser die Leserin die Leserinnen der Leserun die Leserunnen das Leseran die Leserannen
  1. Der Vorschlag von Matthias Behlert[1] geht weit über eine eigene Form für Männer hinaus. Unter anderem werden die verschiedenen Genera abgeschafft. Der Nominativ-Artikel entspricht nun bei allen Substantiven dem des bisherigen Femininums. Auch die Unterscheidung der Artikel nach Numerus entfällt (weshalb die Grundform hier sowohl in Singular als auch Plural die Lehrer lautet). Behlert stellte den Versuch, seine Sprechweise zu verbreiten, mangels Unterstützung ein.[2] Seine Idee wurde von Luise F. Pusch auf den Seiten 23 - 27 ihres Buches "Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen." von 1999 Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. vorgestellt. (Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921). Er wird außerdem mehrfach von Luise F. Pusch bei fembio.org erwähnt.
  2. Inverses Gendern von Josef Gnadl ist zu finden auf seiner Internetseite und auf einer öffentlichen Facebook-Seite.[3]
  3. MO4= wird vom einstigen Vorsitzenden des Vereins für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege Christian Melsa vorgeschlagen.[4]
  4. Das männliche Movem -(er)ich ist eigentlich keine neue Erfindung, sondern kommt im deutschen Wortschatz bereits an einzelnen Stellen vor.
  5. Klassisches Gendern wurde von einem Team von 5 Personen um Bernhard Thiery entwickelt und vor allem durch 2 Petitionen veröffentlicht.[5][6]
  6. Zwei Videos zu Basisneutrales Gendern ("-un-Gendern") von Anka Lüthe finden sich auf YouTube.[7]

Gendern 2.0

Einige der oben erwähnten Erfinder haben sich 2023 zu einer Arbeitsgruppe zusammengeschlossen und mit der feministischen Linguistin Luise Pusch Kontakt aufgenommen. Sie erwähnte diese Arbeitsgruppe in einem Podcast zum Thema Gendersprache unter dem Namen "Gendern 2.0", das seither als Werbebezeichnung für den Ansatz der gleichgestellten Movierung verwendet wird.

Vorteile

Oberbegriff Untergruppe 1 Untergruppe 2
Standard (deutsch, englisch, französisch)
Wolken Schäfchenwolken Dampfwolken
Schraube Riesenschraube Schräubchen
Bürger Staatsbürger Wutbürger
klären erklären aufklären
cloud thundercloud digital cloud
vin vin rouge vin blanc
generisches Maskulinum mit einseitiger Movierung
Leser männlicher Leser Leserin
Gap-Gendern (Bsp Gendern mit *- und :)
Leser*innen Leser Leserinnen
Bürger:in Bürger Bürgerin
Gendern 2.0 (Beispiele für verschiedene männliche Moveme)
Leser Leseron Leserin
Leser Leseran Leserin
Leser Leserich Leserin
Leser Leserun Leserin
  • Frauen werden nicht mehr dadurch diskriminiert, dass ihre Form von einer männlichen Grundform abgeleitet, also untergeordnet wird ("Leserin" war vorher abgeleitet vom angeblich männlichen "Leser").
  • Durch die kurzen Oberbegriffe und auf gleiche Art abgeleitete Unterbegriffe erhält die Sprache wieder die logische Grundstruktur, die praktisch in allen Sprachen Standard ist (siehe Tabelle). Daraus ergibt sich:
    • Frauen und Männer werden gleich behandelt, weil sie auf die gleiche Art benannt werden.[8]
    • Die Sprache wird logischer und damit einfacher lern- und sprechbar. Das kommt vor allem Menschen mit eingeschränkter Literalität und Menschen, die die deutsche Sprache erlernen wollen, entgegen.
    • Es ermöglicht der Gruppe der nonbinären Menschen, ebenso einfach gezielt adressiert zu werden wie Menschen mit binären Genderidentitäten, durch eine positiv präsente eigene Form, nicht wie beim Gendersternformat nur durch ein unaussprechliches Sonderzeichen und somit lautliche Auslassung, in einer Sammelbezeichnung immer nur mitgemeint.
  • Die Sprache vereinfacht sich dadurch, dass die Kurzbegriffe kürzer und einfacher sind als Doppelnennungen (Leserinnen und Leser) oder die aufwendigen Wortkonstruktionen mit dem Gendergap (Leser:innen, Bürger*innenmeister*innen).
  • Die Sprache vereinfacht sich zusätzlich, weil die sexualisierten Formen viel seltener genannt werden müssen. Denn die movierten Formen werden nur verwendet, wenn das Geschlecht relevant ist. Das ist im Plural sehr selten der Fall.
  • Es ist ein Kompromiss in einem massiven Streit und kann die beiden gegnerischen Lager zusammenführen.
  • Die am Gendersternformat häufig kritisierte permanente Sexualisierung bei allgemeiner Adressierung entfällt bei gleichgestellter Movierung. Die Grundform ist sexusneutral und enthält daher auch keine Sexusmarker.
  • Keine sexistische Andronormativität durch Indentifikation der Grundform als männlich.

Öffentliche Erwähnungen


Weblinks

Quellen


Andere Lexika

Wikipedia kennt dieses Lemma (Gleichgestellte Movierung) vermutlich nicht.