PlusPedia wird derzeit technisch modernisiert. Aktuell laufen Wartungsarbeiten. Für etwaige Unannehmlichkeiten bitten wir um Entschuldigung; es sind aber alle Artikel zugänglich und Sie können PlusPedia genauso nutzen wie immer.

Neue User bitte dringend diese Hinweise lesen:

Anmeldung - E-Mail-Adresse Neue Benutzer benötigen ab sofort eine gültige Email-Adresse. Wenn keine Email ankommt, meldet Euch bitte unter NewU25@PlusPedia.de.

Hinweis zur Passwortsicherheit:
Bitte nutzen Sie Ihr PlusPedia-Passwort nur bei PlusPedia.
Wenn Sie Ihr PlusPedia-Passwort andernorts nutzen, ändern Sie es bitte DORT bis unsere Modernisierung abgeschlossen ist.
Überall wo es sensibel, sollte man generell immer unterschiedliche Passworte verwenden! Das gilt hier und im gesamten Internet.
Aus Gründen der Sicherheit (PlusPedia hatte bis 24.07.2025 kein SSL | https://)

Bei PlusPedia sind Sie sicher: – Wir verarbeiten keine personenbezogenen Daten, erlauben umfassend anonyme Mitarbeit und erfüllen die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) vollumfänglich. Es haftet der Vorsitzende des Trägervereins.

PlusPedia blüht wieder auf als freundliches deutsches Lexikon.
Wir haben auf die neue Version 1.43.3 aktualisiert.
Wir haben SSL aktiviert.
Hier geht es zu den aktuellen Aktuelle Ereignissen

Die Einteilung der Menschen Afrikas in „Stämme“: Unterschied zwischen den Versionen

Aus PlusPedia
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Mama Afrika (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Mama Afrika (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 7: Zeile 7:
Viele „Stämme“ wurden erst durch die Kolonialmächte selber „erschaffen“. Überall in Afrika erfanden diese [[Ethnie|ethnische]] Namen und machten sie zu einem distinguierenden Merkmal der von ihnen Beherrschten. Manchmal griffen sie dabei falsch verstandene lokale Begriffe auf oder übernahmen Fremdbezeichnungen. Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung [[Yoruba]] für eine Menschengruppe aus [[Nigeria]]. Dieses Wort war eine Bezeichnung, welche [[Hausa]]-Händler aus dem Norden des Landes ihren Gastgebern im Südwesten der entstehenden [[Kolonie]] gegeben hatten. Durch die koloniale Verwaltungspraxis mittels der Einteilung in „Stämme“ schuf der Kolonialismus dann allerdings ethnische Identitäten und Realitäten, die im Laufe der Zeit von den Betroffenen oft angenommen wurden und sich verhärteten. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür ist die Einteilung in [[Hutsi]] und [[Tutsi]] im [[Belgien|belgischen]] [[Ruanda]], die über die Eintragung in die Identitätspapiere festgeschrieben wurde und später eine der Ursachen des [[Genozid]]s im Jahr 1994 war. Die Einteilung in „Stämme“ war immer auch ein koloniales Unterdückungsinstrument, indem man z.B. die einzelnen „Stämme“ gegeneinander ausspielen konnte. Daneben gab es den „Stamm“ als romantische, mythenbehaftete Vorstellung vom „edlen Wilden„ in der Wunschvorstellung des westlichen Menschen.
Viele „Stämme“ wurden erst durch die Kolonialmächte selber „erschaffen“. Überall in Afrika erfanden diese [[Ethnie|ethnische]] Namen und machten sie zu einem distinguierenden Merkmal der von ihnen Beherrschten. Manchmal griffen sie dabei falsch verstandene lokale Begriffe auf oder übernahmen Fremdbezeichnungen. Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung [[Yoruba]] für eine Menschengruppe aus [[Nigeria]]. Dieses Wort war eine Bezeichnung, welche [[Hausa]]-Händler aus dem Norden des Landes ihren Gastgebern im Südwesten der entstehenden [[Kolonie]] gegeben hatten. Durch die koloniale Verwaltungspraxis mittels der Einteilung in „Stämme“ schuf der Kolonialismus dann allerdings ethnische Identitäten und Realitäten, die im Laufe der Zeit von den Betroffenen oft angenommen wurden und sich verhärteten. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür ist die Einteilung in [[Hutsi]] und [[Tutsi]] im [[Belgien|belgischen]] [[Ruanda]], die über die Eintragung in die Identitätspapiere festgeschrieben wurde und später eine der Ursachen des [[Genozid]]s im Jahr 1994 war. Die Einteilung in „Stämme“ war immer auch ein koloniales Unterdückungsinstrument, indem man z.B. die einzelnen „Stämme“ gegeneinander ausspielen konnte. Daneben gab es den „Stamm“ als romantische, mythenbehaftete Vorstellung vom „edlen Wilden„ in der Wunschvorstellung des westlichen Menschen.


Ab den 1970er-Jahren hat die westliche Wissenschaft den Begriff des „Stammes“ vermehrt kritisch hinterfragt. Man hat erkannt, dass ethnische Identitäten nicht vorgegebene Tatsachen sind, sondern erst durch den handelnden Menschen geschaffen werden. Der [[Anthropologie|Anthropologe]] [[Michael Olen]] merkte beispielsweise an, dass „der Begriff Stamm Anthropologen wegen seiner vielen Verwendungsweisen und Konnotationen nie zufriedengestellt habe“. Als „Stammesgesellschaften klassifizierte Gesellschaften“ seien „in ihrer Organisation sehr vielfältig“ und hätten „wenige gemeinsame Merkmale“. Morton H. Fried erachtete den Begriff  des „Stammes“ als „so zweideutig und verwirrend, dass Sozialwissenschaftler ihn vermeiden sollten“. Der Begriff des „Stammes“ verschwand aus der gesellschaftspolitischen Diskussion, während er bis heute weiterhin häufig in den Medien in seiner alten, vorurteilsbehafteten Bedeutung als griffige Erklärung für alle Arten von Wirtschaftskrisen und Strukturproblemen in Afrika verwendet wird. Von Afrikanern wird der Begriff „Stamm“ als eurozentristisch und rassistisch diskriminierend abgelehnt.
Ab den 1970er-Jahren hat die westliche Wissenschaft den Begriff des „Stammes“ vermehrt kritisch hinterfragt. Man hat erkannt, dass ethnische Identitäten nicht vorgegebene Tatsachen sind, sondern erst durch den handelnden Menschen geschaffen werden. Der [[Anthropologie|Anthropologe]] [[Michael Olen]] merkte beispielsweise an, dass „der Begriff Stamm Anthropologen wegen seiner vielen Verwendungsweisen und Konnotationen nie zufriedengestellt habe“. Als „Stammesgesellschaften klassifizierte Gesellschaften“ seien „in ihrer Organisation sehr vielfältig“ und hätten „wenige gemeinsame Merkmale“. Morton H. Fried erachtete den Begriff  des „Stammes“ als „so zweideutig und verwirrend, dass Sozialwissenschaftler ihn vermeiden sollten“. Der Begriff des „Stammes“ verschwand aus der gesellschaftspolitischen Diskussion, während er bis heute weiterhin häufig in den Medien in seiner alten, vorurteilsbehafteten Bedeutung als griffige Erklärung für alle Arten von Wirtschaftskrisen und Strukturproblemen in Afrika verwendet wird. Von Afrikanern wird der Begriff „Stamm“ als eurozentristisch und rassistisch diskriminierend abgelehnt. Die Bundeszentrale für politische Bildung kritisiert, dass mit dem Begriff „Stamm“ die „Diversität von Gesellschaften in Afrika negiert“ werde. Außerdem werde mit dem Begriff suggeriert, als „ließen sich klare geographische und kulturelle Grenzen zwischen einzelnen afrikanischen Gesellschaften ziehen“. Damit konnten „diskriminierende Perspektiven
und Konstruktionen von Afrika als ,das Andere’ sowie unterlegen,rückschrittlich’ und veraltet hergestellt und transportiert werden.“
== Quellen ==
== Quellen ==
* Till Förster: ''Authentizität / Ein Traum von Einmaligkeit''; in Barbara Wagner und Matthias Winzen: ''Afrika mit eigenen Augen / Vom Erforschen und Erträumen eines Kontinents'', Verlag Athena, 2012, Seite 85 - 95
* Till Förster: ''Authentizität / Ein Traum von Einmaligkeit''; in Barbara Wagner und Matthias Winzen: ''Afrika mit eigenen Augen / Vom Erforschen und Erträumen eines Kontinents'', Verlag Athena, 2012, Seite 85 - 95

Version vom 29. November 2016, 12:04 Uhr

Die Bevölkerung des afrikanischen Kontinents wurde vom Westen jahrhundertelang in „Stämme“ eingeteilt. Diese eurozentristische Einteilung ist nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr haltbar. Der Begriff des „Stammes“ wurde als kolonialistisches und rassistisches Konstrukt demaskiert.


Die im 19. Jahrhundert nach Afrika eindringenden europäischen Kolonialmächte teilten die Bevölkerung des Kontinents schon bald in „Stämme“ ein. Der ideologisch motivierte Begriff - im Englischen „tribe“ und im Französischen „tribu“ - sollte einen Unterschied zwischen modernen, westlichen Gesellschaften und den kolonialisierten Gesellschaften Afrikas ausweisen, wobei letzteren Primitivität und Rückschrittlichkeit unterstellt wurde.

Der Einteilung liegt der realitätsferne Gedanke zugrunde, dass Afrika aus in sich ruhenden, isolierten Gemeinschaften bestehen würde, die sich nur an ihren Rändern berührten und kaum gegenseitig beeinflussten. In Wirklichkeit sind die Gesellschaften Afrikas aber zu vielgestaltig, um sich mit einer einfachen Einteilung in „Stämme“ erfassen zu lassen, und sie sind auch weit weniger isoliert als die Kolonialherren meinten. Die Identitäten der Menschen waren keineswegs so fest, wie der koloniale Staat sie wollte.

Viele „Stämme“ wurden erst durch die Kolonialmächte selber „erschaffen“. Überall in Afrika erfanden diese ethnische Namen und machten sie zu einem distinguierenden Merkmal der von ihnen Beherrschten. Manchmal griffen sie dabei falsch verstandene lokale Begriffe auf oder übernahmen Fremdbezeichnungen. Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung Yoruba für eine Menschengruppe aus Nigeria. Dieses Wort war eine Bezeichnung, welche Hausa-Händler aus dem Norden des Landes ihren Gastgebern im Südwesten der entstehenden Kolonie gegeben hatten. Durch die koloniale Verwaltungspraxis mittels der Einteilung in „Stämme“ schuf der Kolonialismus dann allerdings ethnische Identitäten und Realitäten, die im Laufe der Zeit von den Betroffenen oft angenommen wurden und sich verhärteten. Ein besonders abschreckendes Beispiel dafür ist die Einteilung in Hutsi und Tutsi im belgischen Ruanda, die über die Eintragung in die Identitätspapiere festgeschrieben wurde und später eine der Ursachen des Genozids im Jahr 1994 war. Die Einteilung in „Stämme“ war immer auch ein koloniales Unterdückungsinstrument, indem man z.B. die einzelnen „Stämme“ gegeneinander ausspielen konnte. Daneben gab es den „Stamm“ als romantische, mythenbehaftete Vorstellung vom „edlen Wilden„ in der Wunschvorstellung des westlichen Menschen.

Ab den 1970er-Jahren hat die westliche Wissenschaft den Begriff des „Stammes“ vermehrt kritisch hinterfragt. Man hat erkannt, dass ethnische Identitäten nicht vorgegebene Tatsachen sind, sondern erst durch den handelnden Menschen geschaffen werden. Der Anthropologe Michael Olen merkte beispielsweise an, dass „der Begriff Stamm Anthropologen wegen seiner vielen Verwendungsweisen und Konnotationen nie zufriedengestellt habe“. Als „Stammesgesellschaften klassifizierte Gesellschaften“ seien „in ihrer Organisation sehr vielfältig“ und hätten „wenige gemeinsame Merkmale“. Morton H. Fried erachtete den Begriff des „Stammes“ als „so zweideutig und verwirrend, dass Sozialwissenschaftler ihn vermeiden sollten“. Der Begriff des „Stammes“ verschwand aus der gesellschaftspolitischen Diskussion, während er bis heute weiterhin häufig in den Medien in seiner alten, vorurteilsbehafteten Bedeutung als griffige Erklärung für alle Arten von Wirtschaftskrisen und Strukturproblemen in Afrika verwendet wird. Von Afrikanern wird der Begriff „Stamm“ als eurozentristisch und rassistisch diskriminierend abgelehnt. Die Bundeszentrale für politische Bildung kritisiert, dass mit dem Begriff „Stamm“ die „Diversität von Gesellschaften in Afrika negiert“ werde. Außerdem werde mit dem Begriff suggeriert, als „ließen sich klare geographische und kulturelle Grenzen zwischen einzelnen afrikanischen Gesellschaften ziehen“. Damit konnten „diskriminierende Perspektiven und Konstruktionen von Afrika als ,das Andere’ sowie unterlegen,rückschrittlich’ und veraltet hergestellt und transportiert werden.“

Quellen